Rollentausch
Wenn Antworten nicht mehr so einfach sind
Ein Gespräch mit Karim El-Gawhary über den Nahen Osten, Journalismus, wirtschaftliche Unsicherheit, persönliche Veränderung – und darüber, wie viel in unserem Leben schlicht davon abhängt, wo wir geboren wurden.
Dieses Interview war auch für mich ein neuer Schritt.
Ich moderiere seit vielen Jahren. Ich führe Gespräche auf Bühnen, bei Veranstaltungen, mit Unternehmer:innen, Künstler:innen, Entscheidungsträger:innen. Interviews gehören zu meinem Beruf.
Und trotzdem war ich vor diesem Gespräch nervös.
Nicht, weil mir das Fragenstellen fremd wäre.
Sondern weil mein Gesprächspartner seit mehr als drei Jahrzehnten in einer völlig anderen journalistischen Realität arbeitet.
Karim El-Gawhary hat Menschen in Krisen- und Kriegsregionen interviewt. Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Menschen, deren Partner, Eltern oder Kinder gestorben sind. Menschen, deren Geschichten nicht von Karriere, Produkten oder wirtschaftlichem Erfolg handeln, sondern manchmal ganz unmittelbar von Flucht, Verlust, Überleben und Tod.
Das ist eine Welt, die mir persönlich fremd ist.
Meine Interviews finden meist in einem geschützten Rahmen statt: auf Bühnen, bei Veranstaltungen, im wirtschaftlichen oder kulturellen Umfeld. Es geht um Ideen, Unternehmen, Projekte, Entwicklungen, manchmal auch um sehr persönliche Lebenswege.
Aber nicht darum, mit einem Menschen zu sprechen, dessen Leben wenige Stunden zuvor aus den Angeln gehoben wurde.
Und genau deshalb habe ich dieses Gespräch für meinen ersten Podcast im Auftrag der UBIT Niederösterreich auch als besondere Ehre empfunden.
Für einmal durfte ich die Rollen tauschen.
Ich durfte den Mann befragen, der selbst seit Jahrzehnten Fragen stellt.
Und er hat geantwortet.
Ein Journalist im eigenen Umbruch
Seit Sommer 2026 befindet sich auch Karim El-Gawhary selbst in einer beruflichen Veränderung.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten als Leiter des ORF-Nahostbüros geht er neue Wege. Mit seinem eigenen Podcast „Nahost. Nah Dran.“ hat er ein Format geschaffen, das ihm etwas ermöglicht, das im klassischen Nachrichtengeschäft oft fehlt:
Zeit.
Zeit für Zusammenhänge.
Zeit für Menschen.
Zeit für Zwischentöne.
Und Zeit dafür, eine hochkomplexe Region nicht innerhalb eines 90-Sekunden-Live-Einstiegs erklären zu müssen.
Natürlich haben wir genau darüber gesprochen.
Was verändert sich, wenn man plötzlich selbst entscheidet, wie lange eine Geschichte dauern darf?
Was passiert journalistisch, wenn man nicht nur verdichten, sondern auch vertiefen kann?
Und was bedeutet es persönlich, nach Jahrzehnten in einer festen Struktur wieder etwas Eigenes aufzubauen?
Vielleicht hat mich genau das besonders interessiert, weil Veränderung nicht nur ein abstraktes Thema unseres Gesprächs war.
Sie saß mir gegenüber.
Wie plant man eine Zukunft, die immer schwerer planbar wird?
Da unser Gespräch für die UBIT Niederösterreich entstanden ist, wollte ich natürlich auch die wirtschaftliche Perspektive hereinholen.
UBIT steht für Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie – also genau jene Bereiche, die täglich mit Planung, Daten, Strategie, Veränderung und Zukunftsentscheidungen zu tun haben.
Ich wollte von Karim wissen:
Was bedeuten geopolitische Entwicklungen für Unternehmen?
Wie wirken sich Konflikte auf Wirtschaftsbeziehungen, Energie, Lieferketten und Investitionen aus?
Und vor allem:
Wie bereitet man sich auf eine Zukunft vor, wenn niemand wirklich sagen kann, wie sie aussehen wird?
Ich habe versucht, ihn immer wieder ein wenig in Richtung Prognose zu führen.
Er hat sich darauf nicht eingelassen.
Und ich glaube mittlerweile: zu Recht.
Vielleicht ist genau das eine der Fähigkeiten, die wir heute neu lernen müssen.
Nicht jede Unsicherheit sofort mit einer Antwort zuzudecken.
Nicht so zu tun, als ließe sich jede Entwicklung berechnen.
Sondern aufmerksam zu beobachten, Zusammenhänge zu verstehen und beweglich zu bleiben.
Wir erleben gerade technologische Veränderungen in einer Geschwindigkeit, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war. Künstliche Intelligenz verändert Berufe, Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle. Gleichzeitig verschieben sich politische und wirtschaftliche Kräfteverhältnisse weltweit.
Die Frage ist also vielleicht weniger:
„Was wird passieren?“
Sondern vielmehr:
„Wie bleiben wir handlungsfähig, wenn wir es noch nicht wissen?“
Dann wurde es sehr persönlich
Je länger unser Gespräch dauerte, desto stärker wurde neben dem bekannten Korrespondenten auch der Mensch sichtbar.
Wir haben über sein Leben zwischen Kulturen gesprochen, über Jahrzehnte in Kairo, über seine journalistische Arbeit und darüber, was all diese Erfahrungen mit einem Menschen machen.
Und dann erzählte Karim gegen Ende zwei persönliche Geschichten.
Geschichten, die er auch immer wieder in Schulen und an junge Menschen weitergibt.
Und plötzlich bekam unser Gespräch noch einmal eine ganz andere Tiefe.
Es ging um etwas sehr Einfaches und gleichzeitig sehr Großes:
Wir suchen uns nicht aus, wo wir geboren werden.
Karim sprach darüber, dass es für ihn ein Glücksfall war, in München geboren worden zu sein.
Nicht Verdienst.
Nicht Leistung.
Glück.
Und dieser Gedanke ist bei mir hängen geblieben.
Denn natürlich können wir unser Leben gestalten. Wir können Entscheidungen treffen, lernen, arbeiten, Verantwortung übernehmen und Chancen nutzen.
Aber unseren Ausgangspunkt wählen wir nicht selbst.
Nicht das Land.
Nicht die Familie.
Nicht die politische Situation.
Nicht die wirtschaftlichen Möglichkeiten.
Nicht Frieden oder Krieg.
Und manchmal entscheidet genau dieser Ausgangspunkt über Dinge, die wir später für selbstverständlich halten.
Auch dieses Interview war für mich ein Glücksfall
Während ich ihm zuhörte, musste ich unweigerlich auch an meine eigene Situation denken.
Natürlich ist sie mit dem, worüber Karim aus Krisengebieten berichtet, in keiner Weise vergleichbar.
Aber auf einer ganz anderen Ebene war auch dieses Gespräch für mich ein Glücksfall.
Dass ich diesen Beruf ausüben darf.
Dass ich nach so vielen Jahren als Moderatorin immer wieder neue Felder betreten kann.
Dass mir jemand wie Karim El-Gawhary gegenübersitzt und ich ihn fragen darf.
Dass ich zuhören darf.
Dass ich für eine Stunde die Rollen umkehren kann und derjenige antwortet, der normalerweise selbst die Fragen stellt.
Für mich war das tatsächlich ein persönlicher Meilenstein.
Nicht, weil ein bekannter Name auf meiner Interviewliste steht.
Sondern weil dieses Gespräch mir noch einmal gezeigt hat, wie groß die Bandbreite von Kommunikation ist.
Ein Interview kann unterhalten.
Es kann informieren.
Es kann ein Produkt oder eine Idee sichtbar machen.
Aber es kann auch Räume öffnen, in denen Erfahrungen ausgesprochen werden, für die es manchmal kaum Worte gibt.
Und genau davor habe ich großen Respekt.
Was bleibt
Die beiden Geschichten am Ende unseres Gesprächs haben bei mir Gänsehaut ausgelöst.
Nicht, weil sie laut oder dramatisch erzählt wurden.
Im Gegenteil.
Manche Dinge brauchen keine große Inszenierung.
Man hört zu.
Man lässt sie wirken.
Und plötzlich beginnt etwas im eigenen Inneren, sich neu zu sortieren.
Manches wird kleiner.
Anderes wichtiger.
Und vieles relativiert sich.
Vielleicht ist genau das für mich die stärkste Verbindung zwischen diesem Gespräch und Karims Gedanken darüber, wo wir geboren werden:
Dankbarkeit ist nicht nur ein Gefühl. Sie verändert den Blick auf das eigene Leben.
Und vielleicht auch darauf, welche Verantwortung wir aus unseren Möglichkeiten machen.
Mein erstes Gespräch für den UBIT Podcast Niederösterreich, aufgezeichnet im Schloss Luberegg, war deshalb für mich weit mehr als ein weiterer Moderationstermin.
Es war fachlich spannend.
Menschlich berührend.
Und persönlich ein neuer Schritt.
Unser vollständiges Gespräch mit Karim El-Gawhary ist auf dem YouTube-Kanal der UBIT Niederösterreich zu sehen und auf den gängigen Podcast-Plattformen zu hören.
Wer ihn einmal nicht nur in einem kurzen Nachrichtenbeitrag erleben möchte, sondern Zeit hat, seinen Gedanken, Erfahrungen und Geschichten länger zu folgen:
Nehmt euch diese Zeit.
Manche Antworten informieren.
Manche machen nachdenklich.
Und manche bleiben.
Hier gibt’s den Podcast als Video zum Nachhören:

Evelyn Vysher







