Zwischen Rampenlicht, Sehnsucht und der Frage: Reicht es nicht auch, einfach man selbst zu sein?

 

Song-Contest-Finale.
Und während halb Europa mitfiebert, diskutiert, bewertet, feiert oder lästert, merke ich, dass mich dieses Thema emotional viel tiefer berührt, als man vielleicht denkt.

Denn der Song Contest war für mich nie einfach nur Unterhaltung.

Er war Sehnsucht.
Projektionsfläche.
Traum.

Und vielleicht auch ein bisschen ein wunder Punkt.

Ich war in den 80ern und 90ern ein riesengroßer Song-Contest-Fan. Nicht nur vorm Fernseher sitzend mit Chips und Punktezettel. Sondern mit dem echten Gefühl: Da will ich hin.

Ich wollte singen.
Ich wollte auf diese Bühne.
Ich wollte gewinnen.

Mit 16 stand ich das erste Mal im Tonstudio in Wien.
Damals noch mit unserer Band Champagne.
Wir hatten bei einem Ö3-Wettbewerb einen Sonderpreis gewonnen. Unser Song „Baby Gimme Your Love“ wurde produziert, wir drehten ein Video, liefen drei Wochen im Ö3-Powerplay und wurden sogar in der ORF-Sendung X-Largevorgestellt.

Für mich war das gigantisch.

Mit 16 fühlt sich so etwas an, als würde jetzt die Welt aufgehen.
Als wäre das der Beginn von allem.

Und ehrlich gesagt: Ich war überzeugt davon, dass das erst der Anfang ist. Dass ich irgendwann selbst beim Song Contest stehen würde. Natürlich nicht irgendwo hinten. Sondern vorne. Im Licht. Mit großem Auftritt. Mit diesem einen Moment, der plötzlich alles verändert.

Naiv?
Vielleicht.

Aber wahrscheinlich denkt jeder junge Mensch, der Musik macht, irgendwann genau das.
Und wahrscheinlich muss man das sogar glauben, sonst würde man sich gar nicht trauen, loszugehen.

Das Leben schreibt allerdings selten lineare Geschichten.

Manchmal wird aus dem großen Traum nicht der große Sieg, sondern die große Enttäuschung.
Und plötzlich steht man nicht in der ersten Reihe. Sondern daneben. Dahinter. Beobachtend.

Aus der zweiten Reihe.

Ich kenne dieses Gefühl gut.

Wenn andere fahren dürfen.
Wenn andere gefeiert werden.
Wenn andere plötzlich den Hype erleben, von dem man selbst einmal geträumt hat.

Damals waren das für mich Namen wie Thomas Forstner, Simone oder Gary Lux.
Und natürlich internationale Größen wie Johnny Logan oder Céline Dion.

Später dann Menschen, die ich sogar persönlich kennenlernen durfte. Manche, mit denen ich gearbeitet habe. Für manche habe ich Background gesungen. Ich war oft dabei. Aber selten ganz vorne.

Und ja — manchmal tut das weh.

Vor allem dann, wenn man beginnt, daraus eine Geschichte über den eigenen Wert zu machen.

Die anderen sind besser.
Die anderen haben mehr Talent.
Ich bin offenbar nicht genug.

Aber vielleicht stimmt das gar nicht.

Vielleicht geht es im Leben gar nicht immer darum, in der ersten Reihe zu stehen.

Vielleicht geht es manchmal darum, überhaupt den eigenen Platz zu finden.

Und vielleicht musste ich genau deshalb irgendwann erkennen, dass dieses Gefühl, „nur zweite Reihe“ zu sein, viel älter ist als jede Bühne.

Denn wenn ich ganz ehrlich zurückblicke, kenne ich dieses Gefühl schon seit meiner Kindheit.

Meine Schwester Martina stand durch ihre Behinderung seit ihrer Geburt zwangsläufig im Mittelpunkt unserer Familie. Natürlich. Verständlicherweise. Sie brauchte mehr Aufmerksamkeit, mehr Unterstützung, mehr Kraft von allen.

Und ich glaube, viele Menschen, die Geschwister mit besonderen Bedürfnissen haben, kennen dieses stille Gefühl:
Man funktioniert einfach mit.
Man wird unkompliziert.
Man lernt früh, sich anzupassen.
Und manchmal auch, sich selbst ein Stück zurückzunehmen.

Nicht laut jammern.
Nicht zusätzlich belasten.
Nicht stören.

Und irgendwann wird daraus fast unbewusst ein Lebensmuster.

Man steht daneben.
Beobachtet.
Unterstützt.
Funktioniert.

Aus der zweiten Reihe eben.

Vielleicht war das sogar eine meiner großen Lernaufgaben.

Nicht mich ständig über Sichtbarkeit definieren zu müssen.
Nicht dauernd beweisen zu müssen, dass ich „auch gut genug“ bin.
Nicht nur dann wertvoll zu sein, wenn Applaus kommt.

Denn das Verrückte ist ja: Von außen wirkt die erste Reihe oft wie das ultimative Ziel.

Rampenlicht. Erfolg. Aufmerksamkeit. Karriere.

Aber gerade jetzt, rund um den Song Contest, sieht man auch die andere Seite sehr deutlich.

Der Druck.
Die Erwartungen.
Die Kritik.
Die Schlaflosigkeit.
Die permanente Bewertung.

Und ich glaube, viele unterschätzen, was das körperlich und psychisch wirklich bedeutet.

Ich merke das selbst schon in wesentlich kleinerem Rahmen durch Moderation, Öffentlichkeit und Leistungsdruck. Der Körper speichert Stress. Das Nervensystem reagiert. Daueranspannung hinterlässt Spuren.

Als Yogalehrerin sehe ich das heute noch bewusster als früher.

Natürlich ist es wunderschön, wenn jemand wie Cosmo gerade seinen Traum lebt und das mit so viel Begeisterung macht. Und egal, ob man den Song liebt oder nicht — diesen Mut muss man erst einmal haben. Mit 19. Unter diesem medialen Druck.

Aber ich denke gleichzeitig auch an all die anderen.

An jene, die nicht gewonnen haben.
Nicht genommen wurden.
Nicht im Finale stehen.
Nicht gehypt werden.

Und ich frage mich:

Sind sie deshalb weniger wertvoll?

Oder haben sie vielleicht einfach einen anderen Weg?

Vielleicht sogar einen gesünderen?

Denn manchmal schützt uns die zweite Reihe auch.

Vor Shitstorms.
Vor Selbstverlust.
Vor dem Gefühl, permanent performen zu müssen.

Vielleicht erlaubt sie uns sogar etwas, das in der ersten Reihe oft verloren geht:

Ein echtes Leben.

Mit Ruhe.
Mit Gesundheit.
Mit echten Beziehungen.
Mit Tiefe statt Dauerinszenierung.

Und vielleicht bedeutet „nicht ganz vorne stehen“ manchmal nicht Scheitern — sondern einfach nur ein anderes Schicksal.

Heute sehe ich vieles anders als mit 16.

Der kleine Teil in mir, der immer gewinnen wollte, ist zwar noch da.
Aber daneben ist etwas anderes entstanden:

Dankbarkeit.

Für Erfahrungen.
Für Entwicklung.
Für die vielen Wege, die sich trotzdem geöffnet haben.

Und vielleicht auch dafür, gelernt zu haben, dass Sichtbarkeit nicht automatisch Erfüllung bedeutet.

Manchmal sitzt das wahre Leben eben nicht in der ersten Reihe.

Sondern genau dort, wo man endlich aufhört, ständig jemand anderer werden zu wollen.

Und deshalb interessiert mich heute ehrlich:

Wie geht es dir damit?

Möchtest du unbedingt in die erste Reihe?
Oder fühlst du dich in der zweiten manchmal eigentlich ganz wohl?

Und vielleicht die wichtigste Frage überhaupt:

Was wäre, wenn beides vollkommen okay ist?